Warum bin ich so angepasst?
Neben Kampf, Flucht und Erstarrung gibt es eine vierte Überlebensreaktion: Fawn, also Unterwerfung oder übermäßige Anpassung. Während Kampf und Flucht aktive Strategien sind und Erstarrung eine Art Abschaltung bedeutet, versucht der Fawn-Reflex, Sicherheit herzustellen, indem man sich unterordnet und die eigenen Bedürfnisse zurückstellt.
Besonders in zwischenmenschlichen Bedrohungssituationen, etwa in toxischen Beziehungen oder in einer Kindheit mit unvorhersehbaren oder überwältigenden Bezugspersonen, kann sich diese Strategie tief einprägen. Menschen, die diese Reaktionsweise verinnerlicht haben, neigen dazu, es anderen recht zu machen, Konflikte um jeden Preis zu vermeiden und sich stark an den Bedürfnissen anderer auszurichten.
Oft geschieht das unbewusst, weil es in der Vergangenheit eine überlebensnotwendige Strategie war: Anpassung bedeutete Schutz, indem man die eigene Authentizität opferte, um die Gunst oder Zuneigung anderer nicht zu verlieren. Dadurch kann ein tiefes Gefühl entstehen, für das emotionale Wohl anderer verantwortlich zu sein, während der Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen immer schwächer wird.
Diese Dynamik kann dazu führen, dass jemand sich selbst kaum noch spürt. Das eigene Fühlen wird zurückgestellt, um sich an das anzupassen, was von außen erwartet oder gebraucht wird. Dadurch entsteht eine emotionale Leere oder Taubheit – nicht, weil keine Gefühle vorhanden sind, sondern weil sie dauerhaft unterdrückt wurden, um Sicherheit zu gewährleisten.
Der Weg aus diesem Muster beginnt oft mit der behutsamen Rückkehr zur eigenen Wahrnehmung: Was brauche ich eigentlich? Wo sind meine Grenzen? Welche Gefühle tauchen auf, wenn ich nicht automatisch auf die Bedürfnisse anderer eingehe? Es ist ein Prozess, sich selbst langsam wieder zu erlauben, zu fühlen, ohne Angst vor Ablehnung oder Gefahr.